Spielidee
Die Idee entstammt einer Zusammenarbeit mit dem finnischen Puppenspieler Yuha Laukannen in Kuopio. Es wurde in einem Wasserbecken experimentiert, die Arbeitsergebnisse in einer anschließenden Tournee durch die UdSSR, Finnland und Schweden mit großem Erfolg gezeigt.
Da der finnische Puppenspieler die Idee nicht weiter verfolgen wollte, beschloss Wolf Malten mit seinem Ensemble THEATER IMEXPERIMENT in Lübeck weiter daran zu arbeiten.
Ziel war es, ein sinnliches Theatererlebnis zu kreieren, das als Gesamtkunstwerk für sich steht: Eine eigene Theaterform, die Jung und Alt gleichermaßen in ihren Bann zieht.
Die Sprache sollte dabei eine untergeordnete Rolle spielen, Inhalte sollten durch Licht, Farben, Musik und Raumerlebnis vermittelt werden.
Der Mut des Ensembles, Visionen umzusetzen und sich mit jeder Inszenierung auch unterschiedliche Spielarten des Wassers zu erarbeiten, hat dafür gesorgt, dass das Lübecker Unterwasser Marionetten Theater mit seinen beachtlichen Produktionen weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt wurde.
Das Besondere liegt sowohl im Spiel mit Unterwasserfiguren in einem speziell entwickelten Theateraquarium (800 oder 3000 Liter je nach Produktion) als auch in der Einbeziehung des Zuschauerraumes in die Inszenierungen. Hier einige Gedanken zu unserer Spieltechnik.
1. Das Spiel mit dem Wasser
Aufgabe ist es bei jeder Produktion, dem Wasser eine Bedeutung zukommen zu lassen z.B.:
eine kleine Unterwasserlandschaft in der sich fischige Gesellen tummeln
Gedanken / Gefühle die visualisiert werden
ein sichtbares Wasserbecken, das im Laufe der Produktion mit Inhalten bestückt wird.
Aus den Grundüberlegungen, die auch eine Kombination der Möglichkeiten zulassen, entwickelt sich der Standort des Beckens für die Inszenierung:
das Publikum sitzt drum herum,
das Becken wird verdeckt bespielt, d.h., "Bilder" tauchen auf und verschwinden wieder
wir zeigen den Weg der Figur ins Becken und zurück
es gibt "trockene" Figuren auf einer Vorbühne
Schauspieler oder Figur im Becken?
Die Geschichte des Theaters führt von der verdeckten Spielweise - mit dem Gedanken verbunden einen geheimnisvollen Ort zu schaffen, in dem sich unglaubliche Dinge animieren lassen - bis zum offenen Spiel. Der Standort des Beckens war bisher immer auf der Bühne zu finden. Dieses lag jedoch einzig und allein an praktischen Überlegungen, für die verschiedenen Produktionen im festen Haus nicht unterschiedlichen Stellen bespielen zu müssen, die einen immensen Umbau nach sich ziehen. Mit den neuen Inszenierungen die zur zeit produziert werden: "DER REGENBOGENFISCH" für Kinder und "Die Legende vom Ozeanpianisten Novecento" für Erwachsene wird erstmalig eine offene Spielweise im Becken mit sichtbarem Ensemble erarbeitet.
2. Figuren
Die Figuren des Theaters werden im eigenen WORKSHOP gebaut und entwickelt. Als Materialien dient alles was funktioniert. So sind wir ständig auf Materialsuche. Die angedachten Figuren werden in Form von Prototypentwicklung erarbeitet. Die Ergebnisse fließen dann in die anderen Figuren ein etc.. Die Figurengröße schwankt erheblich. Bespielbare Leuchtpunkte von einem Zentimeter Durchmesser kommen genauso zum Einsatz wie der ganze Puppenspieler, der ins Becken fällt. Die Grenzen setzen die Beckengröße und die Publikumsbegrenzung bezüglich der Erkennbarkeit von Figuren. Alle Figuren sind ihrer Anforderung nach gewichtet, d.h. sie verfügen über die entsprechende spezifische Dichte um in ihrer Arbeitstiefe gut zu funktionieren.
Für den Bau einer Unterwasserfigur kann man schwer Zeitangaben machen. Von der Idee im Kopf, die ständig bewegt wird, bis zum Einsatz im Wasser kann man unter engem Zeitrahmen mit 14 Tagen für eine Figur rechnen.
(Vereinfachter) Produktionsprozess einer Unterwasserfigur am Beispiel:
Krabbe aus Krabbenbalett:
I Zeichnerischer Entwurf und dreidimensionale Umsetzung in ein Tonmodell.
II Bau einer Gipsform, die dann mit dem gewünschten Material ausgeschäumt wird.
III Erprobung des Prototyps mit Veränderungen beim Guss, bis weitere Güsse das gewünschte Ergebnisse bringen.
IV Schließlich werden das endgültige Farbdesign und Finish komplettiert.
Neben der an Fäden geführten "Unterwassermarionette", die auf einen Seilzug hin Luftblasen zur Inszenierung beisteuern kann, gibt es auch Stabmarionetten, die z.B. schnelle Drehungen vollziehen können.
Die Gestaltungsmöglichkeiten reichen von der lebensechten Reproduktion der Natur bis zu Fantasiegestalten.
Die ausführliche Beschäftigung mit dem Bau von Theaterfiguren hat auch zu Know how geführt, das den Workshop inzwischen in die Lage versetzt, für andere Theaterproduktionen auch trockene Aufträge zu übernehmen.
Das Erdenken und Bauen der Theaterfiguren ist ein nicht weg zu denkender wichtiger Bestandteil unserer Arbeit, der Kreativität und Auseinandersetzung mit der Figur schon lange vor den Proben erlaubt. In der Werkstatt bekommen die Figuren ihren Charakter und ihre Stimmen, sodass sie als fertigte kleine Schauspieler ins Theater zum "Proben" geschickt werden können.
3. Licht / Ton / Bühnenbild
Als Besucher des Unterwasser Marionettentheaters werden Sie bei jeder Inszenierung visuell und klanglich in andere Welten entführt. Neben den Figuren und Schauspielern setzten wir gezielt Technik dafür ein. Der Lichttechnik des Theaters wird viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Wenn Simone Frömming und Wolf Malten das Lichtkonzept erstellen, vergehen Wochen mit Programmierarbeit und alle Theatermitarbeiter nehmen gedanklich ihren Urlaub. Es wird geduldig probiert und experimentiert, bis das endgültige Licht erarbeitet ist. Das Ergebnis treibt Fernsehteams Tränen in die Augen, denn es gibt wunderschöne Dinge zu sehen aber alles wird sehr gezielt, punktuell beleuchtet mit extrem wenig Licht. Ein Horror für jede Fernsehkamera, aber ein Augenschmaus für das Publikum: Figuren verschwinden, tauchen aus dem Nichts auf. Grundvoraussetzung dafür ist absolute Dunkelheit. Aus ihr heraus wird gezielt beleuchtet.Für unsere Neuproduktionen wird die ganze Bühne auch um das Becken herum sichtbar bespielt. Hier kommen erstmals programmierbare, bewegliche Scheinwerfer ins Spiel, die nicht nur beleuchten sondern auch projizieren können.
Unser Klangraum vermittelt nicht nur musikalischen Hochgenuss sondern auch Möglichkeiten der Inszenierung. Wir können Töne an verschiedenen Orten auf der Bühne und um das Publikum herum genau inszenieren. So sitzt das Publikum bei "20.000 Meilen unter dem Meer" in einem Mahlstrom, den der Protagonist auf der Bühne im Traum erlebt. Produktionsteile und ganze Produktionen werden vorproduziert. Diese Vorproduktion lässt den Puppenspielern die Möglichkeit der Konzentration auf die Bewegung und verhindert Beeinträchtigungen der Spieler durch technische Höchstleistungen wie: ein Headset (Kopfbügelmikrofon) unter einer schwarzen Maske tragen und bedienen zu müssen, während teilweise in absurdem, Tempo unsichtbar über die Bühne gerollt, gelaufen und geschwitzt wird. Die Figuren erhalten ausgewählte Stimmen und werden akustisch in das Gesamtkonzept optimal hineinproduziert. Bei Kinderproduktionen wird ohne Vorproduktion gearbeitet um den verbalen Dialog zu ermöglichen.
Das Bühnenbild der Produktionen besteht ähnlich den Figuren aus trockenen Bestandteilen um das Becken herum und nassen Elementen im Wasser. Im Wasser werden Stimmungen und Räume vorrangig mit Licht erzeugt. Auf der Bühne gibt es bühnenbildnerische Hinweise auf den Handlungsort. Hierbei wird das Publikum in der Regel mit einbezogen. Es sitzt in dem U-Boot Nautilus, vor ihm öffnet sich das Schott, das den Ausblick in die Tiefe frei gibt und die Fahrt beginnt (20 000 Meilen), oder es taucht auf den Meeresboden und betritt das Theater durch einen Tunnel aus blauem Stoff und landet in einem seidigen Stoffzelt, das zum sanften Meeresrauschen von außen beleuchtet und bewegt wird (Aquacat) aber auch einen tosenden Sturm erzeugen kann.
